Künstliches Kniegelenk, Teilprothese oder Mini-Implantat: die Versorgungsstufen im Überblick
Expertenbeitrag mit fachlicher Einordnung von Prof. Dr. med. Christoph Becher, Internationales Zentrum für Orthopädie (IZO) an der ATOS Klinik Heidelberg – Zusammenfassung eines externen Experteninterviews bei PRIMO MEDICO.
Auf den Punkt
Das Knie besteht aus drei Gelenkabschnitten und eine Arthrose kann auf einen Bereich begrenzt sein oder mehrere Abschnitte betreffen.
Entsprechend gibt es unterschiedliche Formen des Gelenkersatzes: Bei einem umschriebenen Gelenkflächendefekt kann in ausgewählten Fällen ein Mini-Implantat infrage kommen. Ist nur ein Gelenkabschnitt betroffen, kann eine Teilprothese eine Möglichkeit sein. Sind mehrere Bereiche des Knies betroffen, kann ein vollständiger Gelenkersatz infrage kommen.
Welche Versorgung im Einzelfall infrage kommt, hängt unter anderem vom Befund, der Bandstabilität, der Beinachse und der Beweglichkeit des Knies ab.
Wer zum ersten Mal von einem künstlichen Kniegelenk hört, denkt meist an eine einzige Lösung: den kompletten Ersatz des Gelenks. Dieses Bild greift allerdings zu kurz. Denn das Knie besteht aus drei Gelenkabschnitten und eine Arthrose muss nicht alle Bereiche gleichermaßen betreffen. Je nachdem, welcher Teil des Knies betroffen ist, können deshalb unterschiedliche Formen des Gelenkersatzes infrage kommen.
Prof. Dr. med. Christoph Becher, Leitender Arzt am Internationalen Zentrum für Orthopädie (IZO) der ATOS Klinik Heidelberg, hat dem Fachärzteportal PRIMO MEDICO im Rahmen eines Experteninterviews Einblicke in dieses Thema gegeben. Der folgende Beitrag fasst die wichtigsten Aspekte zusammen und ordnet sie ein.
Das vollständige Experteninterview finden Sie bei PRIMO MEDICO: Zum vollständigen Experteninterview bei PRIMO MEDICO
Was bedeutet individuelle Endoprothetik am Knie?
Bei der Knieendoprothetik gibt es nicht die eine Lösung, die für jeden Patienten passt. Entscheidend ist, wie das jeweilige Knie aussieht und welche Beschwerden bestehen. Deshalb werden Implantatwahl und Operationsplanung an den individuellen Befund angepasst. „Die Erwartungen der Patienten sind sehr unterschiedlich, aber auch die Knie der Patienten“, erklärt Prof. Becher im Interview. Genau deshalb stehen heute mehrere Versorgungsstufen nebeneinander.
Das Kniegelenk besteht aus drei Kompartimenten: dem inneren (medialen), dem äußeren (lateralen) und dem Bereich zwischen Kniescheibe und Oberschenkel (femoropatellar). Arthrose betrifft diese Bereiche nicht zwingend gleichzeitig. Ist nur ein Kompartiment betroffen, kann sich die Versorgung bei geeigneter Ausgangssituation auf diesen Bereich beschränken. Entscheidend sind dabei aber nicht nur die betroffenen Gelenkabschnitte, sondern unter anderem auch Bandstabilität, Beinachse und Beweglichkeit.
Welche Implantate gibt es und welche Faktoren spielen bei der Auswahl eine Rolle?
| Versorgungsstufe | Was wird ersetzt | Beispiele für Befundkonstellationen | Besonderheit |
| Mini-Implantat | Ein einzelner, örtlich begrenzter Gelenkflächendefekt | Umschriebener, örtlich begrenzter Gelenkflächendefekt; die individuelle Ausgangssituation ist entscheidend | Kann nach MRT-Bildgebung individuell in ausgewählten Fällen angefertigt werden |
| Teilprothese | Einer von drei Kniekompartimenten | Arthrose auf ein Kompartiment begrenzt, stabiler Bandapparat, keine grobe Fehlstellung | Kreuzbänder und nicht betroffene Gelenkanteile können erhalten bleiben |
| Vollprothese (Knie-TEP) | Die verschlissenen Gelenkflächen, je nach Prothesentyp in mehreren oder allen Kompartimenten | Mehrere Kompartimente betroffen, ausgeprägte Fehlstellung, Instabilität, Bewegungseinschränkung | Auch individuell planbar |
Die genannten Beispiele dienen der allgemeinen Orientierung. Welche Versorgungsform im Einzelfall infrage kommt, wird anhand des Befunds, der Untersuchung und der erforderlichen Bildgebung beurteilt.
„Wenn nur ein Teil des Gelenks betroffen ist, das heißt eben nur eines der drei Kniekompartimente, dann kann eine Teilprothese hier eine Option sein“, so Prof. Becher. Liegt ein lokaler, umschriebener Defekt vor, kann bei ausgewählten Patientinnen und Patienten auch ein Mini-Implantat als Versorgungsoption geprüft werden. Im Interview beschreibt Prof. Becher eine individuelle Anfertigung auf Basis der MRT-Bildgebung.
Welche Strukturen können bei einer Teilprothese erhalten bleiben?
Bei einer Teilprothese spielt der Bandapparat eine wichtige Rolle. Insbesondere die Kreuzbänder tragen dazu bei, dass sich das Knie kontrolliert bewegt. Wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind, können sie bei einem Teilgelenkersatz erhalten bleiben.
Bei einer Vollprothese wird die Kinematik in der Regel verändert, insbesondere wenn das vordere Kreuzband entfernt werden muss. Nach Einschätzung von Prof. Becher kann der Erhalt bestimmter natürlicher Strukturen von Patientinnen und Patienten subjektiv unterschiedlich wahrgenommen werden. Ein bestimmtes Ergebnis lässt sich daraus nicht ableiten.
Wann kann eine Vollprothese infrage kommen?
Eine Vollprothese kann beispielsweise dann infrage kommen, wenn mehrere Bereiche des Knies betroffen sind oder deutliche Fehlstellungen bzw. Bewegungseinschränkungen bestehen. Mögliche Befundkonstellationen sind:
- Ausgeprägte Achsfehlstellungen, etwa ein schweres O-Bein oder X-Bein, insbesondere in Verbindung mit Instabilität
- Deutliches Streckdefizit, beispielsweise im Bereich einer Beugekontraktur von 20 bis 25 Grad
- Starke Einschränkung der Beugefähigkeit
Bei ausgeprägten Fehlstellungen oder erheblichen Bewegungseinschränkungen kann die Wahl des Prothesentyps eine besondere Rolle spielen. Welche Versorgungsform unter diesen Voraussetzungen infrage kommt, hängt vom individuellen Befund, der Bandstabilität, der Beinachse und der Beweglichkeit ab. Die genannten Werte sind Anhaltspunkte, keine festen Grenzen.
Wie wird entschieden, welche Versorgung infrage kommt?
Die Entscheidung entsteht nicht am Röntgenbild allein, sondern in der Sprechstunde. Dazu gehört zunächst das ausführliche Gespräch: Was genau sind die Beschwerden, wann treten sie auf, wie intensiv sind sie? Erst gemeinsam mit der Bildgebung lässt sich festlegen, ob eine Alternative zum vollen Gelenkersatz sinnvoll ist.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das biologische, nicht das kalendarische Alter. Prof. Becher schließt ausdrücklich nicht aus, auch ältere Patientinnen und Patienten mit einer Teilprothese zu versorgen, wenn die Gesamtkonstellation passt. Ebenso zählt das angestrebte Aktivitätsniveau: Wer nach der Operation wieder Bergwandern oder Skifahren möchte, hat andere Anforderungen als jemand, der vor allem beschwerdefrei durch den Alltag kommen will.
Welche Rolle spielen Robotik in der Knieendoprothetik?
Bei der Knieendoprothetik kann Technologie sowohl bei der Planung als auch während der Operation unterstützen.
1. Planung. Bildbasierte Planungsverfahren auf Grundlage von MRT- oder CT-Daten können bei der Vorbereitung der Versorgung eingesetzt werden. Auf dieser Grundlage können Implantate individuell gefertigt werden, nicht nur Mini-Implantate, sondern auch Vollprothesen.
2. Umsetzung. Robotische Assistenzsysteme können die Umsetzung der zuvor festgelegten Operationsplanung unterstützen. Prof. Becher ordnet die Entwicklung im Interview als persönliche fachliche Einschätzung ein: Aus seiner Sicht kann die Technologie die Umsetzung der Planung mit Präzision unterstützen, sofern sie richtig eingeschätzt und angewendet wird.
Am Internationalen Zentrum für Orthopädie der ATOS Klinik Heidelberg werden sowohl bildbasierte Planungsverfahren als auch robotische Assistenzen eingesetzt.
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Wie läuft die Nachbehandlung ab und wie wichtig ist die Reha?
Nach der Operation stellt sich für viele Patienten schnell die Frage: Wie geht es jetzt weiter? Welche Form der Nachbehandlung sinnvoll ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab – unter anderem von der Art des Eingriffs, der Mobilität und der persönlichen Situation zu Hause. Für manche Patienten kommt eine stationäre Rehabilitation infrage, für andere eine ambulante Weiterbehandlung mit Physiotherapie.
Wer sich auf die Operation vorbereitet, sollte deshalb vor allem eines einplanen: Zeit. Zeit für den Eingriff, aber vor allem für die Nachbehandlung, auch und gerade bei starker beruflicher Einbindung.
Was ist im Alltag und beim Sport realistisch möglich?
Vorab die wichtigste Einschränkung: Ein bestimmtes Ergebnis lässt sich nicht zusagen. Welche sportlichen Aktivitäten nach einer Knieendoprothese möglich sind, hängt unter anderem von der individuellen Ausgangssituation, dem Implantat, dem Verlauf und dem Trainingszustand ab. Im Interview nennt Prof. Becher folgende Aktivitäten als Beispiele, die je nach individueller Situation wieder infrage kommen können:
- Wandern und längere Spaziergänge
- Radtouren
- Kraft- und Fitnesstraining
Für manche sind auch Tennis und Skifahren möglich, sofern sie diese Sportarten bereits vorher beherrschten. Sportarten mit hohen Belastungsspitzen oder ausgeprägtem Körperkontakt werden nach einer Endoprothese häufig zurückhaltender beurteilt. Welche Belastung im Einzelfall sinnvoll ist, gehört in die persönliche Beratung. Sinnvoll ist, das angestrebte Aktivitätsniveau bereits im Vorfeld anzusprechen.
Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein künstliches Kniegelenk?
Diese Frage stellt sich fast jeder Betroffene, und sie hat keine pauschale Antwort. Bei der Frage nach dem richtigen Zeitpunkt spielen mehrere Dinge zusammen:
- Leidensdruck – wie stark schränken die Beschwerden den Alltag tatsächlich ein?
- Bildgebung – wie weit ist der Gelenkverschleiß objektiv fortgeschritten?
- Persönliche Lebenssituation – ist Raum für Operation und Nachbehandlung?
Viele Patientinnen und Patienten kommen in die Sprechstunde, nachdem bereits konservative Behandlungsmaßnahmen erfolgt sind. Bei geringem Leidensdruck kann – abhängig vom individuellen Befund – zunächst weiterhin eine konservative Behandlung in Betracht kommen, etwa mit Orthesen, Einlagen oder Injektionen. Eine Operation ist kein zwingender Schritt, sondern das Ergebnis einer gemeinsamen ärztlichen Abwägung.
Welche Risiken hat der Eingriff?
Jede Operation am Kniegelenk ist mit Risiken verbunden. Dazu zählen allgemeine Operationsrisiken wie Infektionen, Wundheilungsstörungen, Thrombosen und Nachblutungen, dazu implantatbezogene Risiken wie Lockerung, Abrieb oder eine spätere Wechseloperation. Auch nach technisch einwandfreiem Verlauf bleiben bei einem Teil der Patientinnen und Patienten Restbeschwerden bestehen.
Welche Risiken im Einzelfall relevant sind und wie sie sich gegen den erwartbaren Nutzen abwägen lassen, ist Gegenstand des persönlichen Aufklärungsgesprächs vor der Operation.
Lässt sich Kniearthrose vorbeugen?
Nur teilweise. Verschiedene Faktoren können bei der Entstehung einer Kniearthrose eine Rolle spielen, darunter Verletzungen und individuelle beziehungsweise genetische Voraussetzungen.
Regelmäßige Bewegung gehört grundsätzlich zu einem aktiven Lebensstil. Welche Belastung und welche Übungen geeignet sind, hängt von der jeweiligen Situation ab.
Häufige Fragen – FAQ
Was ist eine Teilprothese am Knie?
Eine Teilprothese ersetzt einen der drei Gelenkabschnitte des Kniegelenks. Nicht betroffene Gelenkanteile und bestimmte Bandstrukturen können dabei erhalten bleiben, sofern die individuellen Voraussetzungen dafür gegeben sind.
Worin unterscheiden sich Teil- und Vollprothese?
Die Teilprothese ersetzt einen Gelenkabschnitt; nicht betroffene Anteile und die Kreuzbänder können erhalten bleiben. Die Vollprothese ersetzt die verschlissenen Gelenkflächen in mehreren beziehungsweise allen betroffenen Kompartimenten, abhängig von Prothesentyp und individueller Situation. Bei ausgeprägten Fehlstellungen oder erheblichen Bewegungseinschränkungen kann die Wahl des Prothesentyps eine besondere Rolle spielen.
Was ist ein Mini-Implantat am Knie?
Als Mini-Implantat wird ein örtlich begrenzter Gelenkflächenersatz bezeichnet, der bei einem einzelnen, umschriebenen Defekt geprüft werden kann. Eine individuelle Anfertigung auf Basis von Schnittbilddaten ist möglich.
Ist eine stationäre Reha nach einer Knieprothese erforderlich?
Ob eine stationäre Anschlussheilbehandlung oder eine ambulante Nachbehandlung geeignet ist, hängt von der medizinischen und persönlichen Situation ab und wird im Behandlungsverlauf gemeinsam geplant.
Ist Sport nach einer Knieprothese möglich?
Welche körperlichen Aktivitäten nach einer Knieendoprothese möglich sind, hängt von verschiedenen individuellen Faktoren ab.
Kurzes Glossar
Kompartiment – einer der drei Gelenkabschnitte des Knies: innen, außen und zwischen Kniescheibe und Oberschenkel.
Unikondylär – auf ein Kompartiment beschränkt; für die Teilprothese ist auch die Bezeichnung Schlittenprothese geläufig.
Kinematik – die Bewegungsabfolge des Kniegelenks, an deren Steuerung der Bandapparat beteiligt ist.
Beugekontraktur – ein Streckdefizit; das Knie lässt sich nicht mehr vollständig durchstrecken.
Endoprothese – ein dauerhaft im Körper verbleibendes Gelenkimplantat.
DVT – digitale Volumentomografie, ein Schnittbildverfahren mit vergleichsweise geringer Strahlendosis.
Über den Experten

Prof. Dr. med. Christoph Becher ist Leitender Arzt am Internationalen Zentrum für Orthopädie (IZO) der ATOS Klinik Heidelberg. Zu seinen fachlichen Schwerpunkten zählen die Knieendoprothetik, der Gelenkerhalt an Knie- und Sprunggelenk sowie die Behandlung von Achillessehnenerkrankungen.
Mehr über Prof. D. Becher erfahren Sie in seinem Ärzteprofil.
Beratung und weiterführende Informationen
Bei Beschwerden des Kniegelenks oder Fragen zu möglichen Behandlungsoptionen kann eine individuelle orthopädische Untersuchung und Beratung sinnvoll sein.

Die Informationen in diesem Beitrag dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine individuelle ärztliche Untersuchung und Beratung. Ob und welche Form des Gelenkersatzes infrage kommt, hängt vom individuellen Befund und der persönlichen Situation ab.




